Stand:
7.2.2009
Eike W. Grunert

Vorhang auf...
Orfeo
Kritiken Orfeo

così facciamo
Ensemble für Alte & Neue Musik

Kritiken zur Produktion “L’Orfeo”

Schweinfurter Volkszeitung, 31. Oktober 2008:

Die Welt kennt für Liebende nur Spott
Aufregend neu: “L’Orfeo” im Theater

Schweinfurt - Es ist einer dieser eigentümlichen Zufälle der Kulturgeschichte, dass die erste Oper überhaupt ausgerechnet den Orpheus-Stoff behandelt: Der Mensch tut den ersten Schritt in Richtung Individualität, lehnt sich gegen den willkürlichen Ratschluss der Götter auf, und das ausgerechnet in einem Stück von völlig neuer Beschaffenheit, einer “Favola in Musica”, erdacht von Claudio Monteverdi, uraufgeführt im Jahre 1607.
Dieses aufregende Neue, dieses Moment, der die Welt der Musik für immer verändert hat, kann man spüren in der Produktion “L’Orfeo” des Ensemles “Così facciamo”, die am Mittwoch im Schweinfurter Theater Tournee-Premiere hatte. Regisseurin Julia Wahren und Barbara Fumian (Bühne und Kostüme) haben einen zeitlosen Rahmen geschaffen, der sich mit der Musik (und damit der Handlung) verändert - und das fast nur mit Licht und Requisiten.
Verkürzt gesagt: Einmal Hölle und zurück in fünf Akten, mit einer Pause als Cliffhanger kurz vor Orfeos Eintritt in die Unterwelt. Musiker, Dirigent und Sänger agieren und interagieren auf der Bühne. Julia Wahren hat eine ganz eigene Formen- und Bewegungssprache entwickelt, ebenso stilisiert wie ausdrucksvoll, ebenso leichtfüßig wie bedeutungsschwer.
Das Leben könnte ein unbeschwertes Picknick sein, wäre da nicht die Liebe. Gefährten und Gefährtinnen für Orfeo gäbe es genug, doch der will nur die eine: Euridice. Allein die Erkenntnis, dass eben nicht jede(r) austauschbar ist, ist tröstlich, auch wenn es Orfeo am Schluss versaut - aus mangelndem (Selbst-)vertrauen, aus Überheblichkeit, vielleicht auch aus Angst vor der Verpflichtung zum totalen Glück.
Alles an dieser Aufführung ist vielschichtig und interessant: die Musik (transparent und knackig angelegt von Dirigent Hans Huyssen), das Barock-Instrumentarium (besonders aufregend: das fabelhafte Marini-Bläser-Consort aus Innsbruck), die beweglichen Sänger. Für die erkrankte Euridice Stephanie Krug singt Monika Lichtenegger, ihre Rolle spielt Regisseurin Julia Wahren - eine in der Oper durchaus nicht unübliche Notlösung, hier aber entpuppt sie sich als zusätzlicher Reiz: Die stumme Euridice wird so gleichsam zur Idee. Oder zum Symbol, schließlich ist sie Pfand im sozusagen weltpolitischen Geschacher zwischen Pluto und seiner Gemahlin Proserpina.
Tobias Pfülb und Martina Koppelstetter sind in diesen wie in einigen anderen Rollen ebenso souverän wie die Tenöre Daniel Karrasch und Jochen Schmidt. Mirko Guadagnini ist ein großartiger Orfeo. Die Regie legt ihm die Rolle des Helden durchaus nicht in den Schoß, er ersingt sie sich: charismatisch, eigenwillig, verletzlich. Dass er trotz all seiner Willenskraft von vornherein keine Chance hat, seine Euricide ins Reich der Lebenden zurückzuholen, zeigt schon das Geplänkel mit Charon, dem Operetten-Kapitän des Vergnügungsdampfers über den Totenfluss Styx: Die Welt kennt für die aufrichtig Fühlenden bestenfalls Gleichgültigkeit, wenn nicht Hohn und Spott.

Mathias Wiedemann

Schwäbische Zeitung, 4. November 2008:

L’Orfeo: Eine anrührende Geschichte wird zum Erlebnis

Tuttlingen - Viele Musikfreunde haben am Freitag in der Stadthalle die Oper L’Orfeo von Claudio Monteverdi mit dem Ensemble Cosi facciamo (So machen wir es) erlebt. Für das Publikum war diese Oper ein Erlebnis.
Durch ein Versehen entstand die Musikgattung “Oper”: In der Annahme, das Drama der Griechen wieder zu erwecken, schrieb Alessandro Striggio ein Libretto über die altgriechische Sage des Orpheus und Euridice und Monteverdi erfand dazu die Musik. Diese Favola in Musica wurde 1607 im herzoglichen Palast zu Mantua aufgeführt.
“Hätte ich so viele Herzen, wie der Himmel Augen hat und wie diese lieblichen Hügel Blätter im grünen Mai haben, so würden sie alle voll sein und überfließen von dem Glück, das mich heute erfüllt.” Solche Worte beflügelten die Fantasie des heißblütigen Monteverdi, und er erfand Girlanden von Tönen für Orfeo, Euridice, für die Hirten und all die mythischen Gestalten, die diese anrührende Geschichte bevölkern. Wie lieblich klangen die flinken Barockviolinen und Gamben, himmlich leicht die Blockflöte, Harfe und Cembalo fügten ihre Töne ein und Truhenorgel und Theorbe begleiteten die erzählenden Rezitative.
Die sechs Bläser aus Innsbruck, vier Barockposaunen und zwei Zinken (Holztrompeten) spielten die volltönende Eingangsmusik als Überraschung von der Galerie aus und begaben sich danach auf die Bühne. Wie alle Instrumentalisten, so stand auch der temperamentvolle Dirigent Hans Huyssen sichtbar auf der Bühne und feuerte die Musizierenden mit großer Gestik an.

... bis zum tödlichen Biss
Der Mailänder Mirko Guadagnini sang als Orfeo die oben angeführten Worte, wie auch dann tief berührend die Klage im Hades um seine Geliebte. Monika Lichtenegger sang die Partie der Euridice im hellen Glanz der Liebe bis zum tödlichen Biss der Schlange vor dem Hochzeitsfest. Martina Koppelstetter, auch gut als Schauspielerin, bat glaubhaft als Proserpina ihren Gatten Pluto, den König der Unterwelt, für Euridice um Freilassung aus dem Totenreich. Mit imponiertend abgrundtiefem Bass genehmigte Tobias Pfülb als Pluto diese Bitte, doch mit dem Hinweis, dass Orfeo seine Euridice erst in der Oberwelt sehen dürfe. Dieser jedoch, in Angst, ob sie ihm auch folge, schaute nach ihr und verlor sie nun endgültig. “Weh mir, viel zu süß und viel zu bitter ist der Anblick; so verlierst Du mich auf ewig?” sang sie, und Orfeos Gesang starb darauf für immer.
Die Tenöre Daniel Karrasch und Jochen Schmidt verbreiteten als Hirten heitere Atmosphäre, wollten ihn aber in seiner Trauer auch trösten. Herrlich auch die Chöre, von allen Solisten gesungen. Die Oper wurde, trotz sparsamer Szenierie zum überraschenden und selten raren Erlebnis.

(ohne Angabe)

Kleine Zeitung Klagenfurt, 8. November 2008:

Die Mutter aller Opern in Witz und Charme gekleidet
Così facciamo begeisterte mit dem “Orfeo”

Villach - Sie gilt als die Mutter aller Opern und ist exakt 401 Jahre alt. Aber die Favola in Musica “L’Orfeo” von Claudio Monteverdi schaut keineswegs alt aus, wenn sie so herzerfrischend aufgeführt wird wie jetzt im Congress Center Villach. Wie schon vor zwei Jahren mit Purcells “Dido und Aeneas” begeisterte das junge Ensemble “così facciamo” aus München unterstützt vom “Marini Consort Innsbruck” das Publikum mit seiner unbändigen Spielfreue.
Als da waren: Weißgekleidete Musiker, die auf historischen Instrumenten als ständiger Teil der Szene auf der Bühne oder vom Balkon aus temperamentvoll muszierten.
Ein Dirigent (Hans Huyssen), der mit seinem Ganzkörperdirigat aus verschiedensten Positionen und immer wieder quer über die Bühne “tänzelnd” das Ensemble zu enormen Leistungen anstachelt.
Eine Regisseurin (Julia Wahren), die für die antike Geschichte nur ein Podest, Gartenstühle und Masken benötigt und sie trotzdem mit Witz und Charme erzählt.
Bewegungsfreudige, ebenfalls weiß gewandete, Sänger, von denen einige exzeptionell singen: Ein Titelheld (Mirko Guadagnini mit kraftvollem Tenor) und die beiden Damen (die Einspringerin Monika Lichtenegger als Euridice mit glasklarem Sopran sowie Martina Koppelstetter als Botin / Proserpina mit schönem Mezzo). (...)

Helmut Christian

Kärtner Krone / Kronenzeitung, 5. November 2008:

CCV: Münchner Ensemble “Così facciamo” mit “L’Orfeo”
Monteverdi auf Sommerfrische

Bunte Kühlboxen, schwarzer Trauermantel, sonst alles in duftigem Weiß, von der luftigen Freizeitmode bis zu den Biergartenstühlen: Claudio Monteverdis “Orfeo” präsentierte sich am Montag im Congress Center Villach (CCV) im Sommerfrischelook. Nicht nur optisch, sondern auch musikalisch. Unter Hans Huyssen bezauberten feine Stimmen und Instrumente.

Seit zehn Jahren verbindet der deutsch-südafrikanische Dirigent, Barockcellist und Komponist mit dem Münchner Ensemble “Così facciamo” feinfühlig und originell Alte Musik mit der Moderne. In Barbara Fumians meisterhafter Ausstattung und unterstützt vom Marini Consort Innsbruck gelang eine verblüffend unkomplizierte, tourneetaugliche Wiederbelebung des über 400 Jahre alten Werkes.
Was vielleicht da und dort an stimmlichem und rhythmischem Glanz fehlen mag, machen Huyssens ambitioniertes, “sprunghaftes” Dirigat und Julia Wahrens lebendig-graziöse Regie wett. Verdient herzlicher Applaus für das ganze Ensemble, vor allem für Euridice Einspringerin Monika Lichtenegger, aber auch für “Proserpina” / “Messagera” Martina Koppelstetter mit klarem Mezzo, den feschen “Orfeo” Mirko Guadagnini mit gedämpftem Tenor und für den schönen Bass Tobias Pfülb.

A. Hein

Norddeusche Rundschau, 8. November 2008:

Tragische Liebesgeschichte

Itzehoe - Von den antiken Mythen gehört der von Orpheus und Eurydike zu den schönsten: Keiner konnte mit Lyra und Gesang so bezaubern wie Apolls Sohn. Sprichwörtlich hörten die Flüsse dann auf zu fließen. Als Eurydike, die schöne Frau des Sängers, wegen eines Schlangenbisses stirbt, macht er sich in die Unterwelt auf, um sie wiederzuholen. Aber gegen den Befehl Plutos dreht er sich nach der ihm folgenden Eurydike um. Zurück in der Heimat verwirren seine wunderschönen Trauergesänge vor allem die thrakischen Frauen, die ihn schließlich in Stücke reißen, weil sie keiner mehr lieben will; denn ihre Männer haben ihre Familien verlassen, um nur noch Orpheus’ wunderschönem Gesang und Spiel zu lauschen.
Aus diesem Stoff schuf Claudio Monteverdi mit “L’Orfeo” die erste Oper der Musikgeschichte. Vor fast genau 400 Jahren (1607) wurde sie uraufgeführt. Das Müncher Ensemble “Così facciamo” zeigte sie - mit intelligenten Abwandlungen - im schwach besetzten Theater. Das Werben, Lieben und Trauern des Orpheus inszenierte das Müncher “Ensemble für Alte & Neue Musik” geradezu leidenschaftlich, was das Publikum zum Schluss mit lang anhaltendem Beifall quittiert, dem die bemerkenswerte Zahl von jungen Leuten eine wohlverdiente Prise an Begeisterung beimischte.
Monteverdis vorbarocke Musik ist eine schwere Kost. Die Instrumente (u.a. die lautenähnliche Chitarrone und der Krumme Zink) klingen auch für den regelmäßigen Opernbesucher ungewohnt. Aber bald nach der einleitenden Toccata, die die Barockposaunen vom Balkon des 2. Ranges blasen, erliegt man dem Zauber dieser Musik. Schnell entwickelt sich aus der befürchteten Distanz zur Spätrenaissance das Verständnis für Handlung und (italienisch gesungenen) Text, ein Verdienst vor allen der Inszenierung, die nicht mythologische Figuren, sondern Menschen aus Fleisch und Blut in die Jetzt-Zeit stellt. Die allegorische Frau Musica geht shoppen - und findet so manches nachdenkenswerte Angebot im mythologischen Kosmos. Die Musiker und der Dirigent spielen auf der Bühne und sind - auch im Kostüm - Bestandteil des lebhaften szensichen Spiels. So hebt die Regie die zeitbedingt vorhandene Formhaftigkeit mancher Passagen auf.
Makellos: die Orchesterleistung und die Solisten. Besonderer Clou der Inszenierung: Sie deutet die Oper als eine Aussage über sich selber, Orpheus gilt als Sinnbild des Künstlers, der sich leidenschaftlich gegen das Scheitern seiner Kunst auflehnt. Deswegen wird er nicht als Unsterblicher in den Himmel (Sternbild Lyra) gehoben. Sondern - Apoll wird gestrichen! - Orpheus macht weiter mit seiner Kunst, die in der Klage am schönsten wirkt.
Eine tragische Liebesgeschichte, die die Paradoxie der Kunst darstellt, nie zum Ziel zu kommen. Hier waren absolute Spezialisten am Werk. Klasse!

Peter A. Kaminsky

 

Mindener Tageblatt, 10. November 2008:

Oper mit beklemmender Eindringlichkeit
Ensemble „Cosi facciamo“ bringt Monteverdis „Orfeo“ ins Stadttheater / Bühne arbeitet mit einfachen Zeichen

Minden (usk) - Diskussionen über Werktreue in der Oper finden in diesen Tagen vor allem in Leipzig statt.
Dort erhitzen sich die Gemüter sogenannter Opernfreunde gerade an einer Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“, in der vieles nicht so läuft, wie es der durch zahlreiche Aufführungen wissend gewordene Kulturfreund gerne sähe.
Fast ist man geneigt zu fragen: wenn so viele wissen, was stimmt, warum werden von Intendanten nur immer die gefragt, die angeblich nicht verstehen, worum es in dieser und jener Oper geht? Auch die Aufführung von Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“ mit dem mehrfach in Minden erfolgreich gastierenden Ensemble „Cosi facciamo“ reißt die Frage nach der Werktreue an.
Denn Dirigent Hans Huyssen hat das Monteverdische Meisterwerk musikalisch verändert, was gemeinhin als größter anzunehmender Frevel zu werten ist: ein zeitgenössisches Lamento und vom Komponisten nicht vertonte Textpassagen kommen neu hinzu. Dazu wird das ursprüngliche, vom Komponisten gegen ein „lieto fine“ getauschte Finale wieder hergestellt. Dies aber derart behutsam, dass „Neues“ integraler Bestandteil des „Alten“ wird: für kulturellen Bluthochdruck reicht das nicht, dazu ist das Ergebnis einfach zu schlüssig.
Der Dirigent selbst gesteht in einem überaus eloquent und vor klugen Gedanken fast übertriefenden Programmhefttext, dass ein solches Vorgehen „mit Werktreue nichts zu tun“ hat. Aber authentisch und einem werkimmanten Impuls folgend sei es doch: was mit der Aufführung dann schlagend bewiesen wird.

Ein wunderbares Musiktheater
Man muss Huyssen nicht folgen, kann diese Haltung als selbstherrliches Erheben über einen Meilenstein der Operngeschichte abtun. Man kann sich aber auch auf diesen Ansatz einlassen, die Geschlossenheit der musikalischen Darbietung erkennen, die dramaturgische Stimmigkeit bestaunen. Dann ist dieser „Orfeo“ einfach nur wunderbares Musiktheater.
Das ist im ersten Akt durchaus bedauerlich, wenn die fröhliche Einstimmung auf die Liebe eine Nummer zu milde stattfindet und damit der anschließende Schmerz über den Tod der Eurydike nicht ganz jene Fallhöhe erreicht, die wünschenswert wäre. Und doch hat gerade diese Todesszene beklemmende Intensität: Stille, die berührt, ausgelöst durch kleinste instrumentale Gesten. Hier ist Oper nicht Abspulen ohnehin nicht vorhandener Wunschkonzertnummern, sondern ergreifendes Theater, das seine Legitimation beständig aus der Musik heraus bezieht.
Trotzdem könnte die Regie von Julia Wahren deutlichere Zeichen setzen. Viel Melancholie, die gelegentlich ironisch gebrochen wird, liegt über der Szene. Selbst die bierselige Picknick-Ausgelassenheit des Anfangs atmet schon die Katastrophe. Die Ausführenden setzen dieses mit großer Glaubwürdigkeit um. Die Bühne arbeitet überwiegend mit einfachen Zeichen und bietet doch (Verwandlung 3. Akt) das Seherlebnis der großen Oper.
Musikalisch ist dieser „Orfeo“ ein Fest. Das kleine Orchester macht Musik vom Feinsten. Bedenkt man die geringe Zahl der Mitwirkenden, ist das von geradezu umwerfender Farblichkeit. Instrumentaltechnisch ist ohnehin unanfechtbar, was von Violine, Regal, Zink und Theorbe an Tönen hervorgebracht wird. Das ist immerzu bester Monteverdi.

Extrem persönliche Handschrift erkennbar
Sechs Sänger teilen sich die zahlreichen Partien und bilden den Chor. Es funktioniert:
Mirko Guadagnini ist als Orfeo eine Traumbesetzung. Die Höhe ist leuchtkräftig, die Mittellage kraftvoll, das Fundament baritonal abgestützt. Gestalterisch bleiben ebenfalls keine Wünsche offen. Stephanie Krug als Eurydike deklamiert sauber, klingt stellenweise aber etwas matt. Aufhorchen lässt, was der knorrige Tobias Pfülb als Caronte-Bass vernehmen lässt. Martina Koppelstetters Proserpina gefällt durch stimmliche Klarheit, die beiden Tenöre Jochen Schmidt und Daniel Karrasch (Hirten und Geister) machen ihre Sache ebenso gut.
Hans Huyssen dirigiert das auf der Bühne platzierte Orchester mit einer alle Kunstgötter erweichenden Eindringlichkeit. Sein Platz als Teil der Inszenierung ist nicht nur am Notenpult, sondern immer dort, wo es die Musik am nötigsten hat. Im Ganzen eine Aufführung mit extrem persönlicher Handschrift, die mit deutschen Übertiteln zum besseren Verständnis manches Dialoges noch gewonnen hätte.

Udo Stephan Köhne

 

Musical America, 10. November 2008:

L’ORFEO - così facciamo - Minden

In its improvisatory freedom, cosi facciamo's ‚L'Orfeo’ is more telling than most. Precisely its transparency and lack of pretension make this small German touring production both engaging and strong.

This is the fourth production of cosi facciamo, an ensemble which grew from Nikolaus Harnoncourt's classes in historically informed performance practise at the Salzburg Mozarteum.

The production opened in Schweinfurt, went on to Tuttlingen, Villach, Izehoe, and Neumünster, unfurled again over the weekend in Minden, continues to Leverkusen and Neuburg, and culminates on 19 and 20 November in Munich's Cuvillies theatre, where it will be the first opera staging since the festive +Idomeneo+ which re-opened the theatre after extensive renovations in June.

There is a Shakespearean purity to Julia Wahren's production, mingled with Brechtian directness. Both cast and ensemble wear white. Instrumentalists are spread about the stage, and, along with conductor Hans Huyssen, so integrated into the staging that normal boundaries disappear. Players grieve Euridice's death, or singers give instrumental comment on the action; it is all part of the same score.

This is a young cast and a lightweight, portable production, geared for maximum impact with minimum fuss. A plywood snake, a picnic basket, some one-dimensional masks and a row of folding chairs are about the extent of the scenery.  Lighting is rudimentary (more might have been good), gestures are simple yet telling.  The mood remains frank, intimate, and poised - this is a chamber music encounter, a profound story told vividly to friends.

Huyssen, with an admirably lateral approach to authenticity, has completed the missing parts of Monteverdi's score, penning a lamento and the bassarids' dismemberment scene in his own style. New dissonances creep consciously into baroque harmonies. The effect is disconcerting, perhaps because Huyssen doesn't take the matter even further; but the sense of warped reality is not unpleasant.

The cast is at its best in the biggest roles, most outstandingly with Mirko Guadagnini in the title role. His is an assured, complex Orfeo, every inch the artist who knows he can sing his way into whatever he wants, yet also plausible as a flawed human whose daring will lead to his downfall. He remains at the epicentre of the performance, Euridice's death almost incidental to the emotions it provokes. Stephanie Krug's strength and musicality lend dimension to her roles as Euridice, La Musica and Speranza, Tobias Pfülb makes a deliciously sonorous, charismatic Caronte/ Plutone.

Huyssen keeps the instrumentation sparing, with two violins and a cello offset by an arsenal of continuo instruments - lute, harpsichord, theorbo, harp, organ, regal, chitarrone, colascione, and two violas da gamba. Recorders, trombones, zinks, and percussion are added where appropriate.  All the musicians play with taste and style, ornamenting with the ease of good jazz musicians, letting the sound blossom or whisper as the work demands. It is good to hear playing of such committed scholarship in an age where near enough has long since become good enough in the mainstream of early music interpretation.

Shirley Apthorp

 

Holsteinischer Courier, 10. November 2008:

Alte Oper im frischen Gewand
Monteverdis “L’Orfeo” sprach alle Sinne an

Neumünster - “Così facciamo” (So machen wir es!) ist Name und Programm des vor zehn Jahren gegründeten “Ensembles für Alte und Neue Musik”, das frühe Opern mit großer Fachkenntnis, mit originellen szenischen Lösungen (Regie: Julia Wahren) und hoher musikalischer Qualität aufbereitet und lebendig macht. Mit Monteverdis “Krönung der Poppea” und Händels “Acis und Galatea” begeisterten Musiker und Sänger schon in Neumünster, am Sonnabend (325 Besucher) und am Sonntag machten sie das Publikum mit “L’Orfeo” (1607 in Mantua uraufgeführt), dem ersten großen Werk in der Operngeschichte, vertraut.
Komponiert hat die Orpheus-und-Eurydike-Geschichte Claudio Monteverdi (1567-1643), der “Vater der Oper”, der Orchestervor- und zwischenspiele einführte, musikalische Charaktere formte, Tremolo und Pizzicato effektvoll einsetzte und eine kunstvolle, gelegentlich auch dissonante, Harmonik entwickelte. Dass zu einer Barockoper ganz spezielle Instrumente gehören, wurde schon zu Beginn des Abends hör- und sichtbar. Sechs Bläser riefen das Publikum in den Theatersaal, und auf der Bühne befanden sich weitere historische Instrumente, deren Klangfarben auch zur Charakterisierung von Personen eingesetzt werden.
Orgel und Cembalo, Harfe, Flöten, Lauteninstrumente, Bläser und Streicher vereinigen sich zu ungewöhnlich faszinierenden Klängen. Wie zu Monteverdis Zeiten gab es keine Trennung zwischern Musikern und Solisten. Wie schon vor 400 Jahren üblich, sangen die Solisten (alle mit erfrischendem Spieltalent begabt) mehrere Partien und waren auf Teil des Chores.
Großartig bewältigte das Sängerensemble seine Rollen, exakt arbeiteten die wahrlich schönen Stimmen die Gesangslinien, die musikalischen Raffinessen und Feinheiten, die Affekte und dramatischen Steigerungen heraus. Alle Partien waren adäquat besetzt: der wunderbar leichte und doch zupackende Tenor Mirko Guadagnini (Orpheus) begeisterte in seiner Freude über die Heirat mit Eurydike und in seiner bewegenden Klage über deren Verlust. Stefanie Krug erfüllte die Rollen der liebenden Eurydike mit makellosem Sopran. Mit wohltönendem Bass sang Tobias Pfülb den Herrn der Unterwelt und den Gott Pluton. Martina Koppelstetter gab Proserpina ihre schöne Mezzosopranstimme; die Tenöre Daniel Karrasch und Jochen Schmidt ergänzten als Hirten und Geister das homogene Ensemble.
“L’Orfeo” erwies sich in der Interpretation von “così facciamo” als eine alle Sinne ansprechende junggebliebene Oper. Es gab begeisterten Beifall.

Karin Hartmann

Kölner Stadtanzeiger online, 16. November 2008:

Orpheus mit bacchantischem Abgang

Eine faszinierende Version von Monteverdis Oper „L'Orféo“ erlebte ein kleines Publikum im Großen Saal des Forums: Das Ensemble „cosí facciamo“ setzte die Geschichte vom Sänger Orpheus meisterhaft in Szene.

Leverkusen - So also machen sie das - die Mitglieder von „cosi facciamo“, dieses jungen Ensembles, das sich zu der Neuen Generation zählt, die sich der Alten Musik widmet. Und sie machen das meisterhaft. Claudio Monteverdis „Mutter alle Opern“ haben sie zu deren 400. Geburtstag prächtig und reich geschmückt und ihre Zeitlosigkeit mit einer denkwürdigen Aufführung in Leverkusen bestätigt. Die Geschichte vom Sänger Orpheus und seiner geliebten Eurydike gewann unter den Händen aller Beteiligten die Züge einer traumhaften Allegorie: vom Künstlertum und dessen Scheitern. Hans Huyssen, Gründer und Leiter des Ensembles, Cellist, Dirigent und Komponist, legte dazu den Grundstein. Er verzichtete auf Orpheus' appollinisches Happy-End und bereitete ihm einen bacchantischen Abgang (auch musikalisch). Und er beschloss das Stück mit einer „Klage der Musik“, die er einem Monteverdischen Madrigalbuch entlehnte. Frevel am Original? Nein: eine schlüssige, gekonnt gemachte Orpheus-Alternative. Mit Inszenierung und Ausstattung wurde die unwirkliche Schwerelosigkeit des Spiels optisch bestätigt.
Die Musiker waren auf der Bühne drapiert, links ein Kammerorchester, im Hintergrund ein Bläserensemble und rechts eine Continuo-Gruppe: allesamt hochkarätig auf alten Instrumenten. Die Musiker wechselten Plätze und Instrumente und brachten so in den erzählerischen, etwas höfischen Charakter der Renaissancemusik originell fließende Bewegung. Weiß als Hauptfarbe für Kulissen und Kostüme erwies sich als idealer Hintergrund, von dem sich bunte Regieeinfälle plastisch abhoben. Mehr noch als die Musiker waren die Schauspieler-Sänger Meister im Rollentausch. Und auch das trug dazu bei, die Abgrenzungen in diesem phantastischen Spiel weiter verschwimmen zu lassen. Von den fünf Vokalsolisten, die ihre Rollen überzeugend ausfüllten und auch im Chorgesang einen ausgezeichneten Eindruck hinterließen, waren die Hauptdarsteller Erste unter Gleichen.
Mirko Guadagnini als Orpheus und Stephanie Krug als Eurydike bestätigten sich als geglückte Besetzungen: sein ausdrucksvoller, in allen Lagen angenehm timbrierter Tenor war ideal für Lamenti aller Art; ihr klarer, kräftiger Sopran mit einem Hauch von Vibrato gab ihren Rezitativen und Arien jene Spur von Zuversicht, die der Klage den Stachel nahm. Eine so dichte und homogene Spitzenleistung eines Ensembles wird wohl lange in Erinnerung bleiben. Großer Beifall.

Klaus Winterberg

Leverkusener Anzeiger, 17. November 2008:

Ein Abend, der lange in Erinnerung bleiben wird
Meisterhafte Orpheus-Aufführung mit großem Applaus belohnt

Eine faszinierende Version von Monteverdis Oper „L'Orféo“ erlebte ein kleines Publikum im Großen Saal des Forums.

So also machen sie das - die Mitglieder von „cosi facciamo“, dieses jungen Ensembles, das sich zu der Neuen Generation zählt, die sich der Alten Musik widmet. Und sie machen das meisterhaft. Claudio Monteverdis „Mutter alle Opern“ haben sie zu deren 400. Geburtstag prächtig und reich geschmückt und ihre Zeitlosigkeit mit einer denkwürdigen Aufführung in Leverkusen bestätigt. Die Geschichte vom Sänger Orpheus und seiner geliebten Eurydike gewann unter den Händen aller Beteiligten die Züge einer traumhaften Allegorie: vom Künstlertum und dessen Scheitern. Hans Huyssen, Gründer und Leiter des Ensembles, Cellist, Dirigent und Komponist, legte dazu den Grundstein. Er verzichtete auf Orpheus' appollinisches Happy-End und bereitete ihm einen bacchantischen Abgang (auch musikalisch). Und er beschloss das Stück mit einer „Klage der Musik“, die er einem Monteverdischen Madrigalbuch entlehnte. Frevel am Original? Nein: eine schlüssige, gekonnt gemachte Orpheus-Alternative. Mit Inszenierung und Ausstattung wurde die unwirkliche Schwerelosigkeit des Spiels optisch bestätigt.
Die Musiker waren auf der Bühne drapiert, links ein Kammerorchester, im Hintergrund ein Bläserensemble und rechts eine Continuo-Gruppe: allesamt hochkarätig auf alten Instrumenten. Die Musiker wechselten Plätze und Instrumente und brachten so in den erzählerischen, etwas höfischen Charakter der Renaissancemusik originell fließende Bewegung. Weiß als Hauptfarbe für Kulissen und Kostüme erwies sich als idealer Hintergrund, von dem sich bunte Regieeinfälle plastisch abhoben. Mehr noch als die Musiker waren die Schauspieler-Sänger Meister im Rollentausch. Und auch das trug dazu bei, die Abgrenzungen in diesem phantastischen Spiel weiter verschwimmen zu lassen. Von den fünf Vokalsolisten, die ihre Rollen überzeugend ausfüllten und auch im Chorgesang einen ausgezeichneten Eindruck hinterließen, waren die Hauptdarsteller Erste unter Gleichen.
Mirko Guadagnini als Orpheus und Stephanie Krug als Eurydike bestätigten sich als geglückte Besetzungen: sein ausdrucksvoller, in allen Lagen angenehm timbrierter Tenor war ideal für Lamenti aller Art; ihr klarer, kräftiger Sopran mit einem Hauch von Vibrato gab ihren Rezitativen und Arien jene Spur von Zuversicht, die der Klage den Stachel nahm. Eine so dichte und homogene Spitzenleistung eines Ensembles wird wohl lange in Erinnerung bleiben. Großer Beifall.

Klaus Winterberg

 

Donaukurier, 18. November 2008:

Kleines Ensemble bietet große Unterhaltung
Così facciamo begeistern mit Monteverdis “L’Orfeo” im Stadttheater

Neuburg (DK) Einen großartigen und ungewöhnlich intensiven, ja erhebenden Opernabend bescherte das junge Ensemble cosi facciamo den Besuchern im Neuburger Stadttheater. Große Stimmen, barocke Instrumente, die den 400 Jahre alten Originalklang ins 21. Jahrhundert transportieren, mitreißende Musik und eine faszinierende, überaus lebendige, vor pfiffigen Ideen sprühende Inszenierung ergeben einen Rundumgenuss, wie er nur selten geboten wird.
L’Orfeo hat auch vier Jahrhunderte, nachdem Claudio Monteverdi den Mythos von Orpheus und Eurydike vertonte und damit die neue Musikgattung Oper schuf, weder Aussagekraft noch Faszination verloren, zumal das sechsköpfige Ensemble nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch absolut überzeugt. Allen voran Tenor Mirko Guadagnini, der dem Titelhelden in jeder Lebens- und Körperlage seine Stimme leiht. Ein außergewöhnlich klares und tragendes Organ, das in seiner Intensität mitunter nicht von dieser Welt zu sein scheint. Orpheus Schmerz über den Tod der ihm gerade Angetrauten geht tief unter die Haut und verselbstständigt sich, wird direkt greifbar. Kein Wunder, dass da nicht nur Fährmann Caronte (wunderbar die Tiefen der Rolle ausfüllend: Tobias Pfülb) mit sich zu kämpfen hat. Orpheus erweicht bekanntlich ja auch die Götter der Unterwelt.
Dann ist da Stephanie Krug, deren warmer Sopran die Rollen von Eurydike, Musica und Speranza eindrucksvoll interpretiert. Dass anstelle der erkrankten Martina Koppelstetter ein "Doppel-Julia-Abend" gefeiert wird, wie Manager Eike Grunert die Umbesetzung ankündigt, fällt keineswegs ins Gewicht. Regisseurin Julia Wahren lässt schauspielerisch keine Wünsche offen, und Mezzosopranistin Julia Rutigliano erfüllt, zwischen den Musikern versteckt, ihren Part mit Bravour – und das trotz lediglich einstündiger Vorbereitungszeit. Da das Ensemble ohnehin jeweils mehrere Rollen verkörpert und auch den Chor übernimmt, wirkt die Rollenteilung eher erheiternd als störend.
Das mystische Schattenreich hat Barbara Fumian (Bühne und Kostüme) ganz in Weiß getaucht, die Geister tragen überdimensionierte, schaurig-schöne Masken vor sich her, Pluto und Proserpina erhalten ihren Herrscherstatus durch entsprechend größere und ein Stockwerk höher angesiedelte Gebilde – einfach, aber eindrucksvoll; witzig Carontes Preisliste inklusive Gruppentarif. Auch Orpheus’ Welt ist kaum mehr als ein weißes Traumgebilde, nur durch bunte Picknickartikel aufgepeppt. Ein leises Augenzwinkern, ein bisschen Distanz bringen diese Requisiten, aber eben nur so dezent, dass sie gelungener Teil einer unglaublichen Leichtigkeit werden, die dieser Inszenierung das Besondere verleiht. Regisseurin Wahren gelingt eine ausgewogene Komposition zwischen historischer Aufführungspraxis und moderner Kunst – einfach zeitlos, was hier mit unbändiger Spielfreude dargeboten wird. Eine Spielfreude, die nicht zuletzt vom musikalischen Leiter und Dirigenten Hans Huyssen ausgeht, der wie seine Musiker auf der Bühne agiert und durchaus ins Geschehen eingebunden wird, und sei es nur als stützende Schulter für den trauernden Orfeo. Der ebenso bewegt wie souverän dirigierende Huyssen und seine Musiker an Barockposaunen, Barockviolinen, Barockcello, Gamben, Zinken und Flöten, an Laute, Theorbe, Harfe, Colascione, Cembalo und Schlagzeug sind das weitere große Plus der fulminanten Monteverdi-Interpretation, die den Rahmen des kleinen Neuburger Theaters beinahe zu sprengen droht.
Große Oper von kleinem Ensemble, mit großem Charme und exzellentem Können vorgetragen, nein gelebt – das lässt Vorfreude auf weitere Werke von cosi facciamo aufkommen.

Andrea Hammerl

 

tz München, 21. November 2008:

Und wieder ein Treffer
“Così facciamo” im Cuvilliéstheater

Es zeugt schon von großem Selbstbewusstsein, wenn sich ein Ensemble Così facciamo (“So machen wir es”) nennt, aber wenn es sich irgendjemand leisten kann, dann das Münchner Ensemble für Alte & Neue Musik, das aus der Schule von Nikolaus Harnoncourt hervorgegangen ist. Zehn Jahre gibt es diese Formation jetzt, und wo immer sie auftritt, verblüfft und bezaubert sie das Publikum. Celibidache würde über ihre Arbeit sagen: “So muss es sein.”
Der Operneinstand gelang 1999 mit Monteverdis Poppea in Dresden und wurde dann auch im Münchner Metropoltheater gezeigt. Händels Acis und Galathea und Dido und Aeneas von Purcell folgten, und immer wieder verblüfft, wie jetzt wieder im Cuvilliéstheater, der Kontrast von äußerer Sparsamkeit (Barbara Fumian, die als Aktivposten die Schönheit der warmtonigen Instrumente mit einbezieht) und innerer Opulenz.
Mit scheinbar einfachen Bühnenmitteln (Regie Julia Wahren) stößt man zum Kern des Stücks vor, verlangt dem Publikum Fantasie ab, die es, müde einer plakativen Bilderflut, bereitwillig liefert, und setzt auf eine radikale, lustvolle Umsetzung der Musik.
Originalklang, historische Instrumente, was sonst? Aber wie! Hier tönen keine Kindermatrazen, gibt es kein dünnes Gezirpe; hier hat jeder Ton Saft und Kraft und, dies vor allem und gerade bei ihrem neuesten Streich, der Ur-Oper L’Orfeo von Monteverdi, seinen dramaturgischen Sinn. So läuft der Dirigent Hans Huyssen - inspiriert, mitreißend; er bewegt sich in der Musik wie ein Fisch im Wasser - auch mal unter seinen Sängern und Musikern herum, und die akkompagnieren, sich vom Platz lösend, manchmal einen Sänger bei einer bewegenden Szene. Der Gesamteindruck: Ein Atem, ein Bogen - alle wollen und können dasselbe.
Bei einer solchen Stilsicherheit kann sich das Ensemble auch leisten, was sonst vielleicht fragwürdig wäre: auf den konventionellen Deux ex machina zu verzichten und Monteverdis Schluss durch Aufnahme einer früheren Textfassung zu verändern - mit anderswo ausgeliehender Monteverdi-Musik. Es passt.
Die Instrumentalisten singen auf ihren Instrumenten; die Sänger musizieren mit ihren Stimmen: Mikro Guadagnini (Orfeo) mit einer perfekten Koloraturtechnik, die Monteverdi in Momenten der höchsten Emotionen einsetzt, Stephanie Krug (La Musica, Euridice) perfekt rein, aber warm, gewandt im Spiel, dazu Martina Koppelstetters schlanker Mezzo, die beiden Komiker Daniel Karrasch, Jochen Schmidt, und, mit imponierend schwarzem Bass, Tobias Pfülb als Caronte und Pluto.
“Alt” war nichts an diesem Abend. Der Orpheus-Mythos ist - nun ja, unkaputtbar, und dem Monteverdi macht es nichts aus, wenn die Gesellschaft ausführlich picknickt, die Kleider aus einer bunten Plastik-Einkaufstasche heraus gewechselt werden und der Preis für die Überfahrt am Styx in Euro angegeben ist.

Beate Kayser

!!Preis: tz-Rose November 2008!!

 

Abendzeitung München, 21. November 2008:

Cuvilliéstheater
Orfeo sprengt die Gartenparty

Im größten Schmerz helfen auch keine Alkopops. Da mögen die Bacchanten noch so schön säuseln, für Orfeo ist die Gartenparty vorbei, aus, basta. Und tatsächlich macht dieser “neu kreierte” Schluss, den Claudio Monteverdi zunächst für seine Favola in Musica geplant hatte, Sinn. Auch wenn Puristen protestieren werden.
Überhaupt hatten’s eiserne Traditionalisten bei diesem “L’Orfeo” nicht leicht. Hans Huyssen, der Spiritus Rector des Ganzen, und sein Ensemble Così facciamo scherten sich nicht um Konventionen - und trugen trotzdem den Lorbeer davon. Denn mit der tragischten aller antiken Liebesgeschichten kam zugleich ein knackig-frisches “Making of Opera” ins Cuvilliéstheater. Umringt von Musikern der alten Abteilung tummelte sich eine illustre Camping-Clique auf der Bühne, Kostüme und Requisiten - alles in Weiß - wurden aus dem Rucksack gezaubert, und auch sonst bestachen schnickschnackfreie Ideen (Regie: Julia Wahren). Dazu wurde meistens hinreißend gesungen (Mirko Guadagnini als Orfeo, Stephanie Krug als Euridice) und mindestens so musiziert.

Christa Sigg

 

Süddeutsche Zeitung, 22. November 2008:

Die Eroberer
Monteverdis “L’Orfeo” im Cuvilliés-Theater

Mit letzter Gewissheit lässt es sich nicht sagen, aber vermutlich ging es Orpheus bei der Uraufführung an den Kragen. Nachdem er seine Euridice an das Schicksal und die Unterwelt verloren hatte, schwor er der Liebe und damit den Frauen ab, was die Bacchantinnen so erzürnte, dass sie ihn zerrissen. Das brachte die Damen in der Erfüllung ihrer Sehnsucht aber auch nicht weiter, weshalb Monteverdi ein Einsehen hatte und seine Oper “L’Orfeo”, 1609, zwei Jahre nach der Uraufführung, in einer apollonischen Apotheose des Titelhelden enden ließ.
Im Cuvilliés-Theater nutzen Dirigent Hans Huyssen und Regisseurin Julia Wahren den latenten Fragment-Charakter des Werkes für eine eigene Variante. Um die Furien wieder zurückkehren zu lassen, erfand Huyssen eine neue Musik, die ein wenig schräg und ein bisschen rau den Gestus Monteverdis weiterführt, bis dann am Ende die Allegorie der Musik mit dem "Lamento della Ninfa" aus Monteverdis achtem Madrigalbuch der Schönheit huldigen darf. Es scheint legitim, einen solchen Eingriff vorzunehmen. Doch endete die Aufführung mit Orpheus' großem Klagegesang (wie üblich), man wurde in allertraurigster Verzückung entlassen. Nun grübelt man ein bisschen über den sanften Meta-Charakter der Aufführung, durch die ein wenig Ironie geistert, die bei diesem Stoff irritiert, aber nur so lange, bis man sie vergisst. Wahren fasst die Allegorien der Musik und die der Hoffnung in einer Person zusammen; diese teilt sich als Spielmeisterin bei einem Picknick dann selbst ihre Rolle, nämlich die der Euridice, zu. Ein bisserl Theater auf dem Theater also, und doch ist Monteverdis Musik darüber grenzenlos erhaben.
Die umtriebige Truppe Così Facciamo wagt sich in das renovierte Cuvilliés-Theater und leistet sich für ihre freie Opernproduktion eine Brutto-Abendmiete von 8500 Euro, was nur möglich ist, weil die Münchner Aufführungen am Ende einer Gastspielreise stehen und die Produktion "nur" ihre Abendgage einspielen musste. Und wie blüht die Musik hier auf: Die schlanke Besetzung ermöglicht eine berückende Zartheit, die sechs Solisten können sich zum Wohl der Transparenz mühelos zum Chor formen, auch wenn Huyssen manchmal beherzter gestalten müsste. Und mit dem Tenor Mirko Guadagnini erlebt man hier einen Orpheus, der auf der Basis eines kräftig-baritonalen Fundaments tatsächlich die Götter und auch seine zunächst arg unterkühlte Angebetete mit zartem Schmelz zum Weinen bringt.

Egbert Tholl

 

Bayernkurier, 29. November 2008:

Orfeo am rechten Platz
Monteverdis erste Oper im Cuvilliés-Theater

München - Es geht um die Macht der Liebe und der Musik: Auch wenn Claudio Monteverdis “L’Orfeo” als erste “richtige” Oper überhaupt gilt, mangelt es ihr nicht an Reife, Innigkeit und Gefühl. Nachzuprüfen war’s vergangene Woche im Cuvilliès-Theater: Das Ensemble “Così facciamo” und die Regie von Julia Wahren knüpften gekonnt an das Vorbild von 1607 an und schufen mit sparsamen, aber effektvollen Mitteln eine Einheit von Musik und Handlung - nicht zuletzt dadurch, dass das glänzend aufgelegte Orchester in das Geschehen einbezogen wurde. Schon als die Eröffnungsfanfare der Gonzaga von der Königsloge erklang, wusste man: “L’Orfeo” war im Cuvilliés am rechten Platz. Geteilter Meinung kann man über die Eingriffe in die Partitur Monteverdis sein. Der Oper das “Lamento della Ninfa” folgen zu lassen, war aber ein geglückter, beeindruckender Ausklang.

Franz Niedermaier

 

Münchner Merkur, 21. November 2008:

Ringen um Perfektion
Münchner Cuvilliés-Theater: Ensemble “così facciamo” feiert mit Monteverdis “L’Orfeo” den zehnten Geburtstag

Das Ensemble für Alte und Neue Musik “così facciamo” (“So machen wir es!”) erfüllte sich anlässlich seines zehnjährigen Bestehens in Zusammenarbeit mit dem Marini Consort Innsbruck einen besonderen Wunsch und präsentierte im Münchner Cuvilliés-Theater Claudio Monteverdis “L’Orfeo”. Dirigent bei der leichtfüßigen Inszenierung von Julia Wahren war der deutsch-südafrikanische Komponist und Barockcellist Hans Huyssen. Witzigerweise war er in das muntere Treiben auf der Bühne integriert, da er von unterschiedlichen Positionen aus das an den Bühnenrändern sitzende, engagiert musizierende Orchester leitete. Mit Monteverdis Partitur, ergänzt um einige ausgelassene Passagen aus Striggios ursprünglichen Libretto, bot “cosí facciamo” somit eine neu geschaffene Urfassung an. Der Gang von Orpheus in die Unterwelt symbolisiert die Verwirklichung als Künstler, und so steht diese musikalische Fabel für das ständige Ringen um Perfektion. Weiß ist die Grundfarbe für die zeitlosen Kostüme und das klare Bühnenbild. Ein paar bunte Picknick-Taschen und eine Glühbirnenkette unterstreichen die fröhlichen Szenen.
Mirko Guadagnini sang den Orfeo mit angenehmenem Tenor (...). Stephanie Krug (La Musica/Euridice/Speranza), Martina Koppelstetter (Messagera/Proserpina), Tobias Pfülb (Caronte/Plutone), Daniel Karrasch und Jochen Schmidt (Pastore/Spirito) bildeten ein stimmlich homogenes, vitales und lustvoll spielendes Ensemble.

Dorothea Husslein

 

 Mundoclassico.com, 19. November 2008 :

La quintaesencia de Monteverdi

Múnich, 19/11/2008. Teatro Cuvilliés. Orfeo, ópera con libreto de Alessandro Strigio y música de Claudio Monteverdi. Dirección escénica: Julia Wahren. Vestuario: Barbara Fumian. Iluminación: Gerrit Jurda. Reparto: Mirko Guadagnini (Orfeo), Stephanie Krug (la Música, Eurídice), Martina Koppelstetter (Mensajera, Prosepina), Tobias Pfülb (Caronte, Plutón), Daniel Karrasch y Jochen Schmidt (Pastores, Espíritus). Conjunto instrumental de de la compañía ‘Così facciamo’. Dirección musical: Hans Huyssen

El conjunto 'Così facciamo' es una compañía independiente, formada por ex-alumnos de Nikolaus Harnoncourt en el Mozarteum de Salzburgo. El grupo está formado por un conjunto de instrumentistas y cantantes especializados en la interpretación de música antigua y contemporánea. En esta producción de Orfeo se reconstruye el libreto original de Strigio, por lo que el argumento se diferencia del conocido habitualmente y se incluyen números adaptados a esta versión. La mayor diferencia con respecto a las versiones habituales de esta ópera es el final, en este caso trágico y fiel al mito clásico de Orfeo, que perece despedazado por las bacantes, y no en forma de apoteosis con Apolo como deus ex machina. El número de intérpretes ha sido reducido al mínimo: los solistas asumen la parte del coro y, a excepción de Orfeo, cada uno canta dos papeles. También los efectivos instrumentales son en extremo económicos: un reducidísimo número de músicos (¡sólo dos violinistas!), bastantes de los cuales muestran un excepcional dominio de más de un instrumento, acompaña a los cantantes con un amplio muestrario de instrumentos barrocos como tiorba, flauta de pico, trombón barroco, harpa, viola de gamba, órgano, guitarrón, laúd, percusión, etc. El Teatro Cuvilliés, una joya del rococó bávaro, resulta excepcionalmente adecuado a un tipo de interpretación como ésta, en la que el carácter camerístico e íntimo se ve reforzada por la presencia de la orquesta en el escenario, que comparte con los solistas.

La dirección escénica de Julia Wahren tiende al minimalismo y se caracteriza por su austeridad. La acción se sitúa en un lugar y un tiempo indefinidos. Prácticamente no hay escenografía. En los trajes de Barbara Fumian, contemporáneos, predominan la simplicidad y el color blanco. Durante una partida de campo, Eurídice es mordida por una serpiente. Caronte aparece como patrón de un transbordador. El reino subterráneo de Proserpina y Plutón, al igual que el mundo de los vivientes, en lo visual es apenas esbozado. Julia Wahren aligera el tono trágico de la pieza con elementos ora jocosos, ora contenidamente irónicos. La intensidad dramática se logra por medio de la austeridad y la sobriedad en el patetismo. En cierto modo, esta puesta en escena logra presentar a Orfeo más que como una ópera en el sentido dramatúrgico tradicional del género, como una serie de lieder y recitativos escenificados. De este modo, se recupera la atmósfera íntima, de cámara, casi diríamos la privacidad propia de la ópera primitiva como espectáculo cortesano no propiamente teatral, sino reservado a un grupo de melómanos reunidos en un ámbito acogedor, muy concreto y limitado. La insolubilidad de acción teatral y música es puesta de relieve mediante la presencia de los músicos en escena, al tiempo que la cercanía del público (al menos el de platea) se alcanza gracias a las reducidas dimensiones de la sala. El mayor inconveniente de esta escenificación, que aun estando claramente puesta al servicio de la música no carece de defectos, es el hecho de que el argumento resulta harto difícil de entender si no se conoce la obra de antemano. Para el 'iniciado', en cambio, puede resultar grato el tener ante los ojos un esbozo de acción dramática que se limita a apoyar las finuras de la composición y la interpretación musicales, en las que se puede concentrar plenamente la atención.

La competencia estilística, técnica y artística de todos los miembros de ‘Così facciamo’ es realmente excepcional y no presenta fisuras ni desequilirios. No cabe ninguna duda de que todos ellos están versados, como pocos, en la materia con la que trabajan. La dirección musical de Hans Huyssen es de exquisita musicalidad. La austeridad se traduce en serena intensidad y en belleza pura, libre de cualquier elemento superfluo. Aquí los criterios historicistas no son pretexto, como ocurre desgraciadamente tantas veces, para exhibicionismos estériles ni para asperezas gratuitas. Los integrantes de ‘Così facciamo’ dan una brillante lección de cómo se puede hacer música antigua según criterios históricos y al mismo tiempo mimar al oyente con un fraseo y unos acentos acariciadores, sin arcaísmos, sin violencias, sin extravagancias o amaneramientos, simplemente con una naturalidad que muestra, desnuda, la belleza de esta partitura, reduciéndola a su quintaesencia. El talante camerístico con que configuran su interpretación contribuye sin ninguna duda a realzar esta pureza y, sobre todo, pone de relieve la ‘modernidad’ de Monteverdi.

Mirko Guadagnini luce una voz poderosa, de hermoso color y proyección estupendamente focalizada, y canta su papel con exactitud, pulcra línea melódica, estupendo dominio de los reguladores y mucha energía, a veces un ápice excesiva tanto en el volumen como en la expresión. En su doble papel de Eurídice y Música, Stephanie Krug sobresale por la ductilidad y la calidez de su voz, redonda, bien impostada e indudablemente apta para las partes que, con gran equilibrio entre musicalidad y dramatismo, interpreta. Especialmente atractiva es la Proserpina / Mensajera de Martina Koppelstetter, una tan notable actriz como cantante, quien, como es habitual en ella, ofrece una interpretación muy reflexiva, versátil (seriedad y humor se suceden sin roces), músicalmente sin mácula, al tiempo que finamente matizada en todos sus pormenores emotivos, eficientemente subrayados por una voz realmente muy hermosa. Como Caronte / Plutón, Tobias Pfülb resulta un intérprete indiscutiblemente adecuado: su honda voz de bajo nunca se disuelve en tinieblas amorfas, como es el riesgo en su tesitura, sino que dibuja los perfiles musicales excepcionalmente nítidos que exige una ópera de este tipo. También Daniel Karrasch y Jochen Schmidt se revelan como cantantes muy competentes en el repertorio barroco.

J. G. Messerschmidt