Stand:
7.2.2009
Eike W. Grunert

Vorhang auf...
Opern
Orfeo
Dido & Aeneas
Acis & Galatea
Kritiken Acis
Poppea

così facciamo
Ensemble für Alte & Neue Musik

KRITIKEN

Acis & Galatea
Georg Friedrich Händel

Das musikdramatische Kronjuwel
“Acis and Galatea” von Georg Friedrich Händel (1685 - 1759) schien lange fast in Vergessenheit geraten zu sein und ist einem breiteren Publikum weitgehend unbekannt. Und das völlig zu Unrecht: immerhin hat dieses Werk Händel über Jahrzehnte hin beschäftigt, immer wieder hat er daran gearbeitet, gefeilt und geändert. Und immerhin war es zu seiner Zeit eine seiner gefragtesten Kompositionen, die mit großem Erfolg vor einem begeisterten Publikum aufgeführt wurde.

Die Geschichte von Acis und Galatea
ist eine in Sizilien beheimatete Landschaftssage. Sie bezieht sich auf den am Fuß des Ätna entspringenden Fluss Aci, dessen Flusslauf durch einen Vulkanausbruch verändert wurde. Dies mag Anlass der Mythenbildung gewesen sein. Zunächst behandelte der sizilianische Dichter Theokrit die Sage in seinen Hirtengedichten im 3. Jahrhundert v. Chr. Im Mittelalter und in der Renaissance wurde sie Sage so bekannt, wie sie der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen aufnahm: Der Hirte Acis und die Waldnymphe Galatea lieben einander. Sie genießen selig und weltvergessen den Zauber ihrer gegenseitigen Zuneigung. Dabei sind sie blind für jede Gefährdung. So bemerken sie trotz Warnungen nicht, dass ihre Liebe durch den Zyklopen Polyphem in Gefahr ist. Als Galatea die Werbungen des in sie verliebten Polyphem zurückweist, tötet dieser in blinder Wut Acis mit einem Steinwurf. Galatea verwandelt mit ihren göttlichen Fähigkeiten das ausströmende Blut des geliebten Acis in einen Fluss, in dessen Form er nunmehr unsterblich ist.

Handlung der Oper
Ort und Zeit der Handlung ist eine ländliche Gegend am Fuße des Ätna in Sizilien im mytischen Zeitalter. Den ersten Teil eröffnet eine bewegt dahingleitende Sinfonia und leitet mit einem Adagio zum Chor der Nymphen und Hirten über, die sich der strahlenden Natur freuen. Nur Galatea stimmt nicht in den Jubel ein, denn sie sehnt sich nach Acis. Von gleichen Empfindungen beseelt, naht dieser. In vollen Zügen genießen beide ihr Glück, entschlossen, sich nie mehr zu trennen. Im zweiten Teil erhebt warnend der Chor seine Stimme, denn mit die Erde erschütternden Schritten erscheint der Riese Polyphem, den wilde Leidenschaft für Galatea verzehrt. Mit Abscheu wendet sich diese von ihm. Vergeblich weist Damon darauf hin, dass Schönheit sich nicht durch rohe Gewalt gewinnen lasse. Acis fordert hierauf den zudringlichen Riesen zum Zweikampfe. Ein von Polyphem geschleuderter Felsblock trifft ihn tödlich. Galatea bettet den Sterbenden auf eine Rasenbank. Unendliche Klage hebt an, denn mit Galatea trauert jedes fühlende Herz. Auch die Götter werden von solcher Trauer bewegt und wandeln den toten Acis in einen lebendigen Quell, der, dem todbringenden Felsen entbrechend, das Tal mit ewigem Liebessang durchmurmelt.

Die Musik
ist Natur- und Seelenbild im klaren Lichte mediterraner Stimmung. Die zahlreichen tonmalerischen Effekte wirken niemals grob illustrierend, vielmehr als natürliche Äußerungen des rein musikalischen Elements. Für die Diskretion dieser Mittel mag Galateas bekannte Arie "Ich bin wie die Taube" (1. Teil) als bezeichnend gelten, wo die Singstimme das Gurren der Taube in reizenden kleinen Schleifern nachahmt. Die Wärme der Empfindung, die Galateas Gesängen entatmet, durchblutet auch die Arien des Acis. Den Dramatiker Händel hat die Figur Polyphems am unmittelbarsten gefesselt. Der Charakter ungezügelter Wildheit, derbsinnlichen Verlangens und tückischer Unberechenbarkeit wird in Händles Tonsprache mit ihren großen Intervallsprüngen, rasenden Läufen und unheimlichen Trillern hervorragend getroffen. Auch der Chor ist reich bedacht. Ein Stimmungsgemälde von besonderer Anmut ist der Schlusschor, in dessen rhythmischer Bewegung sich das Rieseln und Murmeln der Quelle versinnbildlicht.

Was sich zuerst
als mythologische Geschichte aus längst vergangener Zeit liest, bekommt einen anderen Stellenwert, wenn man bedenkt, dass das Werk zunächst eine Auftragskomposition für eine Hochzeit war. Händel gab dem Paar keine harmlose Liebesgeschichte mit auf den gemeinsamen Lebensweg. Vielmehr schrieb er eine höchst lebenskluge - und bis heute aktuelle - Beschreibung blinder Subjektivität und der Gefährdung der Liebe durch die Umwelt einerseits, aber ebenso durch die schiere Fixierung auf die Zweisamkeit andererseits.

Die Realisierung durch così facciamo
besinnt sich auf die ursprüngliche kleine, aber extrem feine Besetzung der etwa 2-stündigen Originalfassung, in der die ganze Schönheit des musikalischen Materials besonders zum Tragen kommt. Hans Huyssen als musikalischer Leiter eines kleinen Barockorchester auf historischen Instrumenten, fünf unserer Sängersolisten, Regisseur und Ausstatter konzentrieren sich auf die überzeitlichen, allgemein-menschlichen Aspekte der Geschichte. Die Inszenierung richtet durch besondere Kunstgriffe (Lichteffekte, gesampelte Aufnahmen afrikanischer Vogelstimmen etc.) das Augenmerk auf ein weiteres zentrales Element des Stückes: In Anlehnung an afrikanische Naturerfahrungen, die der europäisch-westlichen Zivilisation mehr und mehr abhanden kommen, wird die in dem Stück ausführlich und facettenreich beschriebene und vertonte ”Natur” als Ganzes begriffen und dargestellt. Eine Natur, die mit moralischen Begriffen oder idealistisch-romantischen Vorstellungen allein nicht zu begreifen ist, die also nicht nur ”gut” ist (murmelnde Quellen, zwitschernde Vögel, tanzende Nymphen), sondern ebenso ”böse” und lebensfeindlich (Polyphem, Vulkanausbrüche mit todbringendem Steinschlag). Eine Natur, die auch ohne den Menschen besteht und dessen Existenz maßgeblich mitbestimmt.

Ganz in der Tradition von così facciamo bleibt die musikalische Realisierung nicht bei der tradierten Aufführungspraxis stehen: Gab es bei Monteverdis “Poppea” 2002 hier und da “Ba-Rock” (so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung) mit Sampler und Verstärker, erwartet den Kenner in Händels eher monologisch angelegtem Stück “Acis & Galatea” zwei völlig neue, dramatische und bisher ungehörte Ensemblestücke, entstanden aus der Verschränkung mehrerer Originalarien: 100 % Händel, neu zusammengesetzt und dramatisch interpretiert von così facciamo.

 

Personen und Besetzung

Galatea, eine Nymphe

Sopran

Stephanie Krug

Acis, ein Hirte

Tenor

Colin Balzer

Polyphem, ein Riese

Bass

Andreas Czerney

Damon, ein Hirte

Tenor

David Munderloh

Coridon, eine Nymphe

Sopran

Silke Wenzel

Nymphen, Hirten

 

Die Solisten

 

 

 

Musikalische Einrichtung und Leitung

 

Hans Huyssen

Regie

 

Enke Eisenberg

Bühne

 

Andrea Behn

Kostüme

 

Sabine Wagner

Lichtdesign

 

Gerrit Jurda

 

 

 

Produktion

 

Eike W. Grunert

    Orchesterbesetzung:
    Barockcello (Hans Huyssen), Barockvioline (Ursula Kortschak, Ewa Miribung), Oboen / Flöten (Elisabeth Baumer, Andreas Helm), Kontrabass (Eduard Hruza), Cembalo (Jeremy Joseph), Laute (Uwe Grosser), Fagott (Katrin Lazar)

    Die Produktion und die Aufführungen im Theaterzelt “Das Schloss” in München konnten realisiert werden mit Unterstützung der: