|
Von Dido zu Madosini
“Remember me and don’t forget my fate!”
Konzert mit europäischer und afrikanischer Alter und Neuer Musik um die Geschichtenerzählerin Lathozi Mpahleni (Madosini), mit Werken von Bongani Ndodana Breen, Hans Huyssen, Justinian
Tamusuza, und Henry Purcell
Programm:
Miniatures on Motherhood (2000) Bongani Ndodana Breen (*1976) für Sopran und Streichquartett
- Introduction
- Allegro non troppo
Was mir Madosini erzählt hat (2002) Hans Huyssen (*1964) für Madosini (Stimme, Uhadi, Umrhubhe, Isitolotolo) Klarinette, Streichquartett und Erzählerin
- I. Uthando lundahlule, luphelile Nozimama (Mit der Liebe ist es aus)
- II. Umjeko (Die Prozession)
- III. Imfihlelo (Das Versteckspiel)
- IV. Nokuba ndiluhule (Obwohl ich Männer mag, bin ich doch nicht deine Frau)
- V. Loliwe ukusuka eMtata, Mabela to Cape Town (Die Eisenbahn von Umtata nach Kapstadt)
- VI. Ndibona uMadiba Sophitsho (Ich sehe Madiba)
- VII. Hlakula ntokazi uhlal'luthi awulinyelwa (Jäte nur, du Alte!)
- Pause -
Mu Kkubu Ery `Omusaalaba (1988-93) Justinian Tamusuza (*1951) für Streichquartett
- Ekitundu Ekisooka (I)
- Ekitundu Ekyokubiri (II)
- Ekitundu Ekyokusato (III)
- Ekitundu Ekyokuna (IV)
Suite aus The Fairy Queen (1692) und Dido und Aeneas (1688) Henry Purcell (1659-1695) für
Sopran und Streicher
- First Music Prelude
- Thus happy and free
- Fairie’s Dance
- The Plaint
- Overture
- Larghetto (Dido’s Lament)
Besetzung:
Lathozi Mpahleni (Madosini) – Gesang, Umrhubhe, Uhadi, Isitolotolo Stephanie Krug – Sopran Reinhold Brunner – Klarinette Swantje Hoffmann, Annette Wehnert – Violine
Ursula Kortschak – Viola Hans Huyssen – Violoncello
Der musikalische Entwurf dieses Programms sinnt einer Utopie nach, die sich aus einem alternativen Ausgang der Aeneas Sage hätte ergeben können: Was wäre geworden, wenn Aeneas in Afrika
geblieben wäre? Wenn Karthago statt Rom das Zentrum eines neuen Reiches geworden wäre? Wenn die neuzeitliche Weltordnung tiefere Wurzeln in Afrika gehabt hätte? Wenn die Kulturkreise beider Kontinente sich nicht in
völliger Abgeschiedenheit voneinander entwickelt hätten? Wenn endlich einmal ein wirklicher Dialog zwischen Europa und Afrika entstünde?
Mit afrikanischen und europäischen Musikstücken – und solchen ambivalenten Ursprungs – werden die stilistischen Eigenheiten und wechselseitigen Beeinflussungen beider Kontinente ins
Blickfeld gerückt; Zeugnisse eines anhaltend langen, aber noch nie wirklich geglückten Umgangs miteinander. Die schwierige und längst überfällige Begegnung, ist jedoch inzwischen unvermeidlich geworden und muß daher
immer wieder neu versucht werden.
Mit der ausschließlichen Verwendung europäischer Barockinstrumente, die zwischenzeitlich auch mit Madosinis traditionellen afrikanischen Instrumenten in einen Dialog treten, folgt das
Ensemble dem Impuls der historischen Aufführungspraxis, deren Prinzipien sich auch bei der Interpretation afrikanischer Musik bewähren. Zudem zeigen sich zwischen den alten Instrumenten beider Kontinente
überraschend nahe Verwandtschaften. Auffallend sind die vorwiegende Verwendung organischen Materials (Holz, Darm, Pferdehaar...) und die auf das nötigste beschränkte Konstruktionen, die auf komfortable Vorrichtungen
wie Schulterstützen, Feinstimmer, Stachel, Klappen, Ventile und dergleichen verzichten. Das musikalische Ideal eines unmittelbar charakteristischen Klangbildes ist für frühere Epochen beider Kulturkreise unmittelbar
an den überlieferten Instrumenten abzulesen (entgegen der in der späteren Entwicklung des Instrumentenbaus angestrebten ausgewogen und immer sicheren Tongebung). Die kleinen Imperfektionen ihrer schlichten Bauweise
machen die alten Instrumente gerade deshalb vollkommen geeignet eine ungekünstelte menschliche Musik auszudrücken, sei sie afrikanisch oder europäisch.
Miniatures on Motherhood (Bongani Ndodana Breen)
Bongani Ndodana ist ein westlich geschulter südafrikanischer Komponist, der sich mangels Perspektiven in seinem Heimatland zur Emigration entschloß. Heute pendelt er zwischen Toronto und
Chicago, wo er sich als afrikanischer Komponist und Leiter des sehr erfolgreichen Ensemble Noir eine außergewöhnliche Stellung verschafft hat; allerdings um den schmerzlichen Preis eines Exils, wie es in einer Zeile
seiner Vertonung lapidar auf den Punkt gebracht wird: There is no healing. Until a son returns to us, there is no healing....
Ndodanas Stil orientiert sich an der Liedhaftigkeit und Rhythmik afrikanischer Musik, mit der er aufgewachsen ist, jedoch nimmt er diese Elemente inzwischen aus westlicher und postmoderner
Anschauung wahr und interpretiert sie entsprechend neu. Das ‚Afrikanische’ in dieser Musik ist vielfältig gebrochen und lässt sich nicht mehr an der üblichen, typischen Materialbehandlung festmachen. Am
unmittelbarsten schimmert es vielleicht noch in einem gewissen epischen Tonfall durch.
Was mir Madosini erzählt hat (Hans Huyssen)
Madosini ist eine der Veteraninnen traditioneller südafrikanischer Musik. Sie ist eine lebhafte Geschichten-erzählerin, mit blitzenden Augen und dem Schalk im Nacken. Jedoch versteht man
sie nicht ohne weiteres, denn sie spricht nur Xhosa und ist auch des Lesens und Schreibens nicht kundig. So kommt es, dass ihre Kunst vielen verschlossen bleibt. Andererseits ist es diesen Umständen zu danken, dass
ihre Ausdrucksweise urtümlich und autark geblieben ist - so gut wie frei von westlichen Einflüssen. Dies macht sie zu einer der wenigen Exponenten ursprünglicher amaMpondo Musik und zu einer Persönlichkeit von
archaischer Würde und Größe.
Ihre Musik ist in einem zeitlos traditionellen Stil gehalten, der wie ein Abbild unberührter afrikanischer Landschaften wirkt. Zugleich ist dies aber auch ihre ganz persönliche
Ausdrucksweise, und sie betont stets, dass sie alle Lieder selbst erfindet. Es handelt sich also nicht um eine nostalgische Rückwendung in die Vergangenheit, sondern den unmittelbaren Ausdruck einer Tradition, deren
Geist in Madosini noch lebendig ist. Es wäre durchaus angemessen, Madosini zu einem cultural guardian zu erklären. Noch besser wäre es, ihr einmal richtig zuzuhören.
Madosini ist Sängerin (und hier zugleich Meisterin des umqokolo oder throat singing, einer speziellen Art von Obertongesang), Geschichtenerzählerin und beseelte Instrumentalistin auf dem
Uhadi (Berimbau), Umrhubhe (Mundbogen) und Isitolotolo. Letzteres - eine gewöhnliche Maultrommel - ist ein völlig assimiliertes afrikanisches Instrument geworden, das auf ganz eigene Art gespielt wird. Hier hat
schon vor etwa hundert Jahren ein Kulturaustausch stattgefunden: Madosini's Exemplar, das sie vor Jahrzehnten im Pondoland erworben hat, stammt aus Österreich.
Anhand ihrer Lieder erzählt Madosini die Geschichte ihres Lebens. Huyssens Komposition, die diese Lieder miteinander verknüpft, kommentiert und begleitet, könnte als Hommage in Form eines
biografisch-reflexiven Kammeroratoriums beschrieben werden. Die hinzukomponierte Musik hat die Funktion, einen Rahmen für Madosinis Ausdrucksweise zu bilden, so dass diese im Kontext eines europäischen Konzertes
auch einem nicht-afrikanischen Publikum vermittelt werden kann.
Madosini eröffnet uns im 21. Jahrhundert die außergewöhnliche Gelegenheit den Klang prähistorischer afrikanischer Musik zu erahnen. Gelingt es uns, unsere konventionellen Hörerwartungen zu
verlassen, erleben wir eine ganz seltene Musik von größter Reinheit und Ruhe. Ihre Musik zeugt unverkennbar von einem Lebensstil, der von unendlich viel Zeit und einer tiefen Verwobenheit
mit der natürlichen Umgebung geprägt ist. Ein Stück unzerstörtes Afrika klingt daraus hervor. Allein dies ist schon ein unsagbar kostbares Gut, entgegen dem sonst üblichen Tenor aus dem ‘Katastrophenkontinent’.
Noch können wir Madosini selbst erleben, denn sie ist wohlauf. Noch ist sie uns als Verbindung zu einer uralten Tradition erhalten. Jedoch muss sie wohl als eine der letzten Vertreterinnen
einer Minderheiten-Kultur angesehen werden, deren Stimme in Zeiten des globalisierten kulturellen Ausverkaufs bald verstummt sein wird. Vielleicht nur noch für kurze Zeit haben wir durch sie die Gelegenheit uns
unmittelbar von einer urtümlichen Welt erzählen zu lassen, wie wir sie nie erleben konnten. Es erfordert ein wenig Mühe, aber jeder, der dieser leisen Stimme seine Aufmerksamkeit schenkt, wird mit einem schlichten,
menschlich und musikalisch tiefen Erlebnis belohnt.
Mu Kkubo Ery ` Omusaalaba (Justinian Tamusuza)
Eines der wenigen afrikanischen Streichquartette - eine große Ausnehme bei dieser vielleicht ‚europäischsten‘ und intimsten aller Musikformen - stammt von Justinian Tamusuza aus Uganda. Er
wuchs mit der kiganda Musik Tradition auf, in ständigem Kontakt mit den vielen Musikern, welche die heimische Bierbrauerei seines Vaters frequentierten. Seine formellen Studien absolvierte er in Kampala, Belfast und
Illinois, von wo aus er an die Makerere University in Kampala zurückkehrte, um dort selbst eine Professur zu übernehmen. Mu Kkubo wurde noch während seiner Studienzeit bei Kevin Volans begonnen. Er selbst schreibt
dazu:
„Seit ich der zeitgenössischen Musik begegnet bin, frage ich mich, wie so große Meister wie Bach, Mozart, Beethoven etc. in der Lage waren, trotz aller Beschränkungen, die ihnen durch
die Tonalität auferlegt wurden, so große Stücke zu schreiben. Später fiel mir auf, dass auch die Musik meiner eigenen kiganda Tradition großen Begrenzungen unterliegt, z.B. pentatonischen Tonleitern,
fixierter Harmonik oder Ostinati. In der westlichen Welt werden Kompositionsstudenten dazu angehalten die Techniken der tonalen Musik zu meistern, ehe sie sich der modernen Musik zuwenden. Demzufolge beschloß ich
ein Stück zu schreiben, das den Gesetzmäßigkeiten meiner eigenen musikalischen Tradition unterworfen wäre.“
In dem Werk (dessen 1. Satz durch die 1992 veröffentlichte Kronos Quartett CD Pieces of Africa berühmt geworden ist und Tamusuza zu einem internationalen Durchbruch verhalf) strebt der
Komponist durchaus eine Vermischung europäischer und afrikanischer Sensibilitäten an. Jedoch kommt es ihm wohl darauf an, diese zu erhalten und nicht zu verlieren. Es gelingt ihm auf bemerkenswerte Weise, der
europäischen Gattung zwar ein afrikanisches Gesicht zu geben, ihre kammermusikalische Qualität jedoch zu bewahren. Harmonische Fortschreitung (die es nur in einfachster Form gibt, dieweil im ganzen Werk kein
einziges Vorzeichen vorkommt!) wird im Wesentlichen durch stete subtile Farbveränderungen ersetzt. So ist es einerseits möglich einem Verlauf zu folgen, während andererseits das anhaltende Kreisen von
wiederkehrenden Motiven unmissverständlich ein charakteristisch afrikanisches Zeitverständnis zum Ausdruck bringt: das einer gegenwartsbezogenen, zyklisch erlebten Zeit des stets sich erneuernden Augenblicks, in dem
man gänzlich aufgehen darf ohne sich von der Zukunft ablenken zu lassen...
The Fairy Queen / Dido and Aeneas (Henry Purcell)
Mit Purcell schließt sich der programmatische Kreis. In dieser Musik kommen die Barockinstrumente schließlich in ihrem ureigenen Idiom zur vollen Geltung und zugleich berühren wir mit
ihnen über den Umweg einer europäischen Barockoper wieder ein afrikanisches Schicksal: das der sagenumwobenen Königin Dido. Die Verschmelzung von kurzen Auszügen aus zwei verschiedenen Bühnenwerken Henry Purcells
spielt darauf an, dass Didos utopische Existenz - in der mit List in einer feindlichen Wüste errichteten Stadt - wie die einer Märchengestalt anmutet. Ihr Schicksal erscheint darum so tragisch, als für einen
geschichtlichen Moment berechtigte Hoffnung bestand, dass das von ihr gegründete Karthago durch Aeneas Unterstützung zu größter Blüte würde gelangen können, diese jedoch durch seinen Weggang jäh zunichte wird.
Ihrer Verzweiflung angesichts dieser auswegslosen Lage verleiht Purcell in der berühmten Abschiedsarie erschütternden Ausdruck. Hört man darin nicht nur Didos Aufschrei, sondern
stellvertretend auch den der vielen Stimmen afrikanischer Kulturen, die so oft überhört und übergangen wurden und werden, so hat sich ihre Klage und Selbstanklage – Remember me, but ah! - forget my fate – schrecklich bewahrheitet.
Es ist höchste Zeit, dem entgegenzuwirken. Halten wir es also stattdessen mit dem Erinnern. Remember Dido – and Madosini – and don’t forget the fate of Africa!
Hans Huyssen
|